2 extreme
Eine Dystopie über die Spaltung der Gesellschaft (Lesezeit 7 Min)
Wir haben das Jahr 2039. Ich, Max Petersen, sitze auf einem Hausdach und schreibe meine Gedanken in meine Log-App. Naja eine Art Tagebuch. denn ich kann meine Gedanken nicht mehr laut äussern und irgendwo muss ich sie loswerden. Aber fangen wir am besten am Anfang an.
Am Anfang war niemand unzufrieden.
Zumindest nicht so, wie man später behauptete.
Die Menschen hatten Wohnungen, Arbeit, Freunde und Familien. Sie stritten über Kleinigkeiten, über Steuern, über Fußball und darüber, wer am Sonntag den Müll hinausbringen sollte. Sie gingen wählen, weil sie glaubten, dass Wahlen etwas mit Verantwortung zu tun hatte. Ich glaubte das auch.
Ich war nie besonders links gewesen und nie besonders rechts. Ich hatte mich immer für neutral gehalten, wobei ich lange nicht verstanden hatte, dass die Mitte kein Ort zwischen Ost und West auf einer Landkarte war. Sie war eine Haltung.
Man konnte für soziale Sicherheit sein und trotzdem Freiheit schätzen. Man konnte einen starken Staat wollen und trotzdem misstrauisch gegenüber seiner Macht bleiben. Man konnte Eigentum wichtig finden, ohne Armut zu verachten. Man konnte Veränderung begrüßen, ohne jede Tradition für rückständig zu halten.
Ich hielt diese Widersprüche für selbstverständlich. Dann kamen die Versprechen. Zuerst waren es nur Plakate.
Auf der einen Seite stand: „Niemand darf mehr nehmen, als ihm zusteht.“
Auf der anderen: „Niemand wird euch mehr nehmen, was euch gehört.“
Beide Sätze klangen vernünftig. Und beide waren gefährlich.
Die Rechten versprachen gut bezahlte Arbeit. Sie sprachen von Sicherheit. Von Grenzen. Von Menschen, die sich „endlich wieder etwas leisten“ können. Mein Freund Erik war begeistert.
„Das Problem ist doch, dass der Staat zu weich geworden ist“, sagte er. „Wir brauchen klare Regeln.“
„Welche?“
„Regeln, die dafür sorgen, dass diejenigen, die arbeiten, nicht ständig für alle anderen bezahlen.“
„Und wenn du irgendwann selbst zu den anderen gehörst?“
Er lachte.
„Dann werde ich schon nicht dazugehören.“
Das war das Geheimnis der neuen Politik.
Jeder glaubte, zu den Gewinnern zu gehören.
Die Linken versprachen jedem, der weniger hatte, mehr.
Die Rechten versprachen jedem, der mehr hatte, dass er es behalten durfte.
Beide Seiten hatten etwas gemeinsam:
Sie brauchten keine Bürger mehr.
Sie brauchten nur noch Anspruchsberechtigte.
Die Menschen begannen, ihre Wahlentscheidung nicht mehr danach zu treffen, welche Gesellschaft sie wollten, sondern danach, was sie persönlich bekommen würden.
„Was bringt mir das?“
Diese Frage wurde zum wichtigsten politischen Argument.
Nicht: Was ist frei?
Nicht: Was ist langfristig gut für alle?
Sondern: Was bekomme ich?
Die Linken versprachen, dass niemand mehr Angst vor steigenden Mieten haben müsse. Der Staat werde die Mieten deckeln. Niemand solle mehr aus seiner Wohnung verdrängt werden.
Meine Frau fand das großartig.
„Endlich denkt jemand an normale Leute“, sagte sie beim Frühstück.
„Und was passiert mit den Wohnungen, wenn Vermieter mit den Einnahmen keine Sanierungen mehr finanzieren können?“, fragte ich.
Sie sah mich an, als hätte ich eine obszöne Frage gestellt.
„Du bist immer so theoretisch.“
Ich versuchte es praktisch.
Unser Nachbar besaß ein kleines Mehrfamilienhaus, welches er angemessen vermietete. Er hatte jahrelang Rücklagen gebildet, um bald die Fenster auszutauschen und die Heizung modernisieren zu können. Nach dem Mietendeckel sagte er die Arbeiten ab. Ich bekomme das Geld nicht mehr rein, Zwei Jahr später waren die kleinen Risse in den Aussenwänden größer geworden, es schien fast so, als interessiert es nicht.
Fünf Jahre später war die Heizung veraltet. Im sechsten Jahr verkaufte er, weil sich die Ausgaben und Einnahmen nicht mehr deckten.
Der Käufer war kein kleiner Vermieter, sondern eine staatliche Wohnungsorganisation.
„Siehst du?“, sagte meine Frau. „Jetzt gehört es wenigstens allen.“
Ich sah auf das Gebäude.
Es gehörte niemandem mehr wirklich.
Und genau deshalb fühlte sich niemand mehr verantwortlich.
Dann kamen die Preisdeckel.
Lebensmittel wurden „gerecht“ gemacht.
Energie wurde „bezahlbar“ gemacht.
Dienstleistungen wurden „reguliert“.
Ein staatliches Amt bestimmte Höchstpreise.
Zunächst schien alles wunderbar. Aber vor der globalen Marktwirtschaft kann sich auch kein Staat drücken.
Die Preise auf den Schildern wurden kleiner. Die Menschen applaudierten.
Doch bald verschwanden Produkte aus den Regalen.
Ein Händler erklärte im Fernsehen:
„Bei diesen Preisen können wir das Produkt nicht mehr wirtschaftlich anbieten.“
Die Antwort des Staates kam sofort:
„Wer behauptet, dass Marktpreise wichtiger sind als die Bedürfnisse der Bevölkerung, stellt Profit über Menschen.“
Der Händler gab auf.
Sein Geschäft wurde von einer staatlich kontrollierten Einkaufsorganisation übernommen.
Es gab nun einen einheitlichen Preis.
Und immer weniger Auswahl.
Meine Frau fand das zunächst gut.
„Wozu brauchen wir zehn Sorten?
„Weil Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben.
„Das ist doch Luxus.
Ich sah sie an.
Früher hatte sie sich darüber gefreut, dass sie selbst entscheiden konnte, welches Brot sie kaufte.
Nun galt Auswahl als Verschwendung.
Individualität wurde langsam zu einem moralischen Makel.
Wer etwas anderes wollte, fragte besser nicht danach.
Wer etwas anderes dachte, sagte es besser nicht.
Wer etwas anderes besaß, musste erklären, warum.
Eines Abends kam ich nach Hause und fand meine Frau mit Erik und mehreren Freunden im Wohnzimmer.
Auf dem Fernseher lief eine politische Diskussion.
Die linke Kandidatin sprach davon, dass das System nicht funktioniert, dass es „solidarisch organisiert“ werden müsse.
Der rechte Kandidat sprach davon, dass das System nicht funktioniert endlich „diszipliniert organisiert“ werden müsse.
Beide machen das madig, was ein Großteil der Menscheit lange errungen hatte, die Demokratie und die soziale Marktwirtschaft mit den vielen Hebeln, weil wir in einer globalen Welt leben. Aber es ist nie genug, die Rentner wollen mehr Rente, die Mütter mehr Kindergeld, der Arbeiter mehr Gehalt und die Produkte und Energien sollen günstiger werden. Wei soll aber der Tisch günstiger werden, wenn der Tischer dafür mehr Geld möchte?
Beide dachten scheinbar losgelöst von der Welt.
Beide entwickelten Strategien und Regeln losgelöst von der globalen Welt.
Auf der einen Seite völkisch auf der anderen idealistisch als wären alle Menschen gleich.
Beide wollten wissen, wer Anspruch auf was hatte.
Beide versprachen, dass der Staat dafür sorgen würde, dass niemand zu kurz kam.
Dabei wollten die Menschen zuerst, dass sich der Staat reduziert, mehr Freiheit und Eigenverantwortung, aber die Freiheit wurde abgegeben. Papa Staat soll sich um alles kümmern, dann ist auch Papa Staat an allem Schuld. Die Menschen werden freiwillig unmündig. Nur ihre Begründungen der "neuen Ordnung" waren verschieden.
„Das ist doch gut“, sagte meine Frau.
„Was genau?“
„Dass endlich Ordnung entsteht.“
„Du wolltest doch früher Freiheit.“
Sie schwieg.
Erik grinste.
„Freiheit ist schön, wenn man sie sich leisten kann.“
Dieser Satz blieb mir im Kopf, denn darin lag die ganze Tragödie.
Die Menschen hatten begonnen, Freiheit mit Wohlstand zu verwechseln. Solange Freiheit bedeutete, dass sie bekamen, was sie wollten, liebten sie sie. Sobald Freiheit bedeutete, dass auch jemand anderes etwas entscheiden durfte, hassten sie sie. Die Parteien merkten schnell, was geschah.
Die Linke sagte: „Wir schützen euch vor den Unternehmen.“
Die Rechte sagte: „Wir schützen euch vor den Fremden.“
Die Linke sagte: „Wir nehmen den Reichen.“
Die Rechte sagte: „Wir nehmen denen, die euch etwas wegnehmen.“
Die Linke versprach Sicherheit durch Verteilung.
Die Rechte versprach Sicherheit durch Ordnung.
Und beide Seiten versprachen Sicherheit vor der Freiheit.
Ich wurde zunehmend unruhig.
Ich sagte es meinen Freunden.
Sie nannten mich naiv.
Ich sagte es meiner Frau.
Sie nannte mich egoistisch.
„Du willst doch nur, dass du machen kannst, was du willst.“
„Nein“, sagte ich. „Ich will, dass jeder das kann, solange er damit nicht die Freiheit des anderen zerstört.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Das ist genau dieses politische Gerede der Mitte.“
Es war das erste Mal, dass ich begriff, dass „Mitte“ inzwischen ein Schimpfwort geworden war.
Dann kam die Wahl. Die Wahlzettel waren größer als früher. Es gab nicht mehr nur Parteien. Es gab Programme für nahezu jede Lebenslage.
Wer eine Wohnung hatte, bekam ein anderes Versprechen als jemand ohne Wohnung. Wer Kinder hatte, bekam andere Versprechen als Kinderlose. Wer Unternehmer war, bekam andere Regeln als Angestellte. Wer alt war, bekam andere Garantien als Junge. Wer auf dem Land lebte, bekam andere Subventionen als jemand in der Stadt. Jeder wurde angesprochen. Jeder wurde abgeholt. Jeder bekam seinen persönlichen politischen Vorteil.
Meine Frau wählte links. Erik wählte rechts.
Beide waren zufrieden.
Ich ging ebenfalls zur Wahl. Ich wusste nicht mehr, ob meine Stimme etwas retten konnte. Aber ich wusste, dass ich sie nicht dafür einsetzen wollte, meine Freiheit gegen den Vorteil eines anderen einzutauschen.
Einige Jahre später gab es keine Diskussionen mehr über den Mietendeckel. Er war einfach da.
Niemand fragte mehr, warum kaum noch jemand neue Wohnungen baute. Niemand fragte, warum Häuser verfielen. Niemand fragte, warum junge Menschen jahrelang auf Wohnungen warteten. Man hatte sich daran gewöhnt.
Auch die Preisdeckel waren selbstverständlich geworden. Niemand fragte mehr, warum Produkte verschwanden. Man war froh, dass der Preis auf dem Schild staatlich garantiert war. Und niemand fragte mehr, warum die Geschäfte gleich aussahen. Es gab ohnehin nur noch wenige Anbieter.
Individualität war inzwischen etwas, das man bei sich zu Hause ausleben durfte. Solange niemand es bemerkte.
Meine Frau hatte inzwischen eine staatliche Stelle.
Sie war zufrieden.
Erik war Sicherheitsbeauftragter in einem neuen Verwaltungsapparat.
Auch er war zufrieden.
Wir trafen uns manchmal noch. Aber wir redeten nicht mehr über Politik. Denn Politik war inzwischen überall.
Eines Tages fand ich in einem alten Schrank ein Foto.
Darauf waren meine Frau, Erik und ich zu sehen.
Wir waren jung. Wir lachten.
Hinter uns stand ein handgemaltes Schild:
„Freiheit bedeutet, dass wir verschieden sein dürfen.“
Ich musste lange darauf schauen.
Dann erinnerte ich mich daran, dass wir damals wirklich daran geglaubt hatten.
Wir hatten geglaubt, dass ein Mensch seinen Nachbarn anders sehen konnte und ihn trotzdem respektieren musste.
Dass der Staat helfen durfte, aber nicht alles bestimmen sollte.
Dass Eigentum Verantwortung bedeutete.
Dass Solidarität freiwillig beginnen musste, damit sie nicht irgendwann nur noch Gehorsam war.
Dass eine Gesellschaft nicht dadurch frei wurde, dass alle dasselbe bekamen.
Sondern dadurch, dass jeder Mensch sein Leben selbst gestalten durfte.
Ich legte das Foto zurück.
Am nächsten Morgen ging ich durch die Stadt.
Überall hingen neue Plakate.
Darunter stand auf einem kleinen, fast übersehenen Schild:
„Ihre Stimme entscheidet über Ihre Vorteile.“
Ich blieb stehen.
Dann verstand ich endlich, was geschehen war.
Die Freiheit war nicht abgeschafft worden.
Niemand hatte sie uns weggenommen. Wir hatten sie verkauft.
Jeder für einen anderen Preis.
Der eine für eine billigere Wohnung.
Der andere für mehr Sicherheit.
Der nächste für einen staatlich garantierten Preis.
Manche für Anerkennung.
Andere für Macht.
Und die meisten einfach dafür, dass jemand anderes die Verantwortung für ihr Leben übernahm. Das war das Perfide daran. Niemand musste gezwungen werden. Die Menschen gingen freiwillig.
Sie standen Schlange vor den Toren des Staates und stritten darüber, wer zuerst hinein durfte.
Sie nannten es Gerechtigkeit.
Sie nannten es Sicherheit.
Sie nannten es Fortschritt.
Nur eines nannten sie es nicht mehr:
Unfreiheit.